5. März 2019 – Lower Manhattan

Heute war dann tatsächlich das südliche Manhattan, also der älteste Teil der Stadt, an der Reihe. Wobei „älteste“ sich nur darauf bezieht, dass hier schon die Holländer siedelten, als New York noch New Amsterdam war. Es bedeutet nicht, dass die Gebäude besonders alt wären. Denn tatsächlich sind viele Viertel einem enormen und rapiden Wandel unterworfen.

Das Ganze habe ich wieder per Walking Tour gemacht, diesmal ein knapp siebenstündiges Ganztagesprogramm (mit Pausen und U-Bahnfahrten). Diese Touren sind für mich der beste Weg, eine Stadt kennen zu lernen, denn die Guides sind in Sachen Lokalgeschichte und schlicht Ortskenntnis immer viel besser als ein Reiseführer. Und die große Einordnung in die Geschichte – wo die Guides tendenziell eher schwächeln – kann ich selber vornehmen, schließlich bin ich vom Fach 🙂

Nun zum Wandel. Nehmen wir die Wall Street. Da ist die Börse, richtig? Ist sie, aber das Börsenparkett ist für den heutigen Aktienhandeln nahezu irrelevant. Und die Banken? Sind zum großen Teil umgezogen. D.h. der sog. „Financial District“ hat nicht mehr viel mit der Finanzbranche zu tun – statt dessen wird es zu einer (sauteuren) Wohngegend! Das heißt, die historische Funktion dieses südlichsten Teils von Manhattan dient heute eher dazu, als Flair für Luxusapartments zu dienen. Aber das Flair ist schon nicht ohne.

Hier die eben genannte Börse. Natürlich wird da noch gehandelt, aber der Großteil läuft heute nun mal übers Internet.
Hier die Federal Hall. Das war der erste Sitz der Bundesregierung unter Washington und Adams, während die neue Hauptstadt Washington gebaut wurde.
Vor allem wurden da die Zolleinnahmen – bis 1913 das mit Abstand wichtigste Einkommen der Bundesregierung – verwaltet und sogar gelagert.
Der Bulle steht übrigens nicht an der Wall Street, sondern am Broadway, und er soll auch nicht den aggressiven Kapitalismus, sondern die Stärke und Dynamik des amerikanischen Volkes nach dem Börsencrash von 1987 symbolisieren.
Drum musste das furchtlose kleine Mädchen, dass ihm 2017 gegenüber gestellt wurde, auch weichen, weil sie die Botschaft verzerrte. Sie steht jetzt vor der Börse. Bizarrerweise war sie aber Teil einer Marketingkampagne für einen Indexfonds, kein antikapitalistisches Widerstandssymbol.
Apropos antikapitalistischer Widerstand: das hier ist Zucotti Park, wo die Occupy Wall Street Bewegung entstand.

Danach ging es weiter zum World Trade Center. Als ich 2003 das letzte Mal in New York war, war da noch ein Bauloch. Das hat sich gründlich geändert.

Hier das neue One World Trade Center. Die Twin Towers standen dort, wo der Park im Vordergrund ist.
Die Grundfläche der alten Türme wird jetzt durch zwei große Becken mit Wasser, das in die Tiefe fällt, symbolisiert. Auf den Rändern stehen die Namen der Toten, geordnet nach deren Beziehungen zueinander.
Der einzig überlebende Baum des alten Parks beim WTC.
Der Oculus, eine Mischung aus Bahnhof und Shopping Center, ebenfalls erbaut um ein zerstörtes Gebäude zu ersetzen.
So sieht es da innen drin aus. Hier kreuzen sich auch mehrere wichtige U-Bahn und Zuglinien.

Vom World Trade Center ging es weiter nach Chelsea bzw. den Meatpacking District. Das war bis in die 90er eine der übelsten Ecken von New York: Nachtclubs, heftigste Drogenkriminalität, heruntergekommen Dockanlagen, rostende und stillgelegte Hochbahngleise, usw. Heute? Boomt alles und es ist teuer.

Hier sieht man schon den Wandel. Das weiße Gebäude unten rechts ist eine alte Seemannunterkunft, natürlich heute Apartments. Drum herum sieht man schon mehrere neue Firmensitze.
Am meisten Geld hat wohl Google gebracht, deren Zentrale an der Ostküste hier sitzt.
Ein besonderer Kniff war die Umwandlung der alten, stillgelegten Hochbahnlinien (wo es offene Drogenszenen gab) in einen Park, den High Line Park.
Alles finanziert von den Investoren…
…und zwar schön begrünt (wg. Winter nicht gut sichtbar), aber man hat absichtlich die Schienen drin gelassen. Auch hier gilt:
…die Vergangenheit dient jetzt als Flair für die neue Nutzung.
Das alte Pier (der Hafen ist jetzt in New Jersey) wird derzeit für viel (Investoren-)Geld zu einem Naherholungsgebiet umgebaut. Das runde Metallding links bleibt übrigens, es markiert den (nicht-)Landepunkt der Titanic. Vor 25 Jahren noch wurden hier Leichen und Tatwaffen entsorgt.
Anstatt verlassener Lagerhäuser gibt es nunmehr den Chelsea Market, eine Art Fresstempel und Markthalle für die gut verdienenden Professionals, die nunmehr den Meat Packing District unsicher machen.

Nächste Station war Greenwich Village (das im Westen, nicht das East Village). Das war ganz früher ein Reichenviertel, dann ein Irenviertel, ein Schwarzenviertel und ein Szeneviertel. Jetzt ist es wieder reich.

Nicht zuletzt, weil es für New Yorker Verhältnisse echt ruhig ist. Der Müll liegt nur rum, weil der bald abgeholt wird.

Vom Szeneviertel Greenwich Village sind z.B. das „Cafe Wha?“ übrig, wo Hendrix entdeckt wurde…
…und der Comedy Cella, wo Lenny Bruce und George Carlin die amerikanische Standup Comedy revolutionierten.
Zwischen West und East Village liegt der Washington Square Park…
Mit dem ersten Prunkdenkmal der Stadt (zu Ehren George Washingtons, der 100 Jahre zuvor Präsident wurde)…
…und erbaut nicht auf einem alten Indianerfriedhof, sondern auf ca. 20.000 Armengräbern. Der Park war eins der Vorbilder für den Central Park.

Apropos Tote: ganz in der Nähe ist auch das Triangle Building, wo 1911 weit über 100 Mädchen und junge Frauen, allesamt Näherinnen, bei einem Großbrand starben. Die Türen waren abgesperrt gewesen, damit keine Gewerkschaftler eindringen konnten. Das Ganze wurde mittelfristig zum Anlass für das Verbot von Kinderarbeit (und verschlossenen Notausgängen).

Weiter ging es nach SoHo (South of Houston Street), einst dem wichtigsten Einkaufsviertel der Stadt, wo die tollsten Kaufhäuser entstanden. Mit dem Niedergang des Einzelhandels erfindet sich auch dieser Stadtteil neu: es gibt immer noch schicke Läden wie den Nike Store, aber das sind eher glorifizierte Schaufenster, wo Kunden Produkte ausprobieren und sich (und die Firma) damit auf Instagram produzieren können. Verkauft wird die „experience“, nicht das Produkt, die Läden dienen also der Werbung, nicht dem Umsatz.

Die historischen Kaufhäuser wurden möglich durch neue Stahlskelettkonstruktionen, welche kaum noch interne Pfeiler brauchte. Die Fassaden konnte man mit günstigen, aber beeindruckenden Säulen und Verzierungen aus Eisen schmücken.
So auch hier.

Die letzte Station des Marsches war Little Italy. Auch hier gab es gewaltigen Wandel, denn Little Italy gibt es quasi nicht mehr. Die Italiener sind weitgehend nach New Jersey umgezogen und die restlichen Restaurants werden immer weniger.

Was von…
Little Italy…
…übrig blieb.

Aber den alten Widersachern der Italiener bzw. der Mafia, dem NYPD, erging es auch nicht besser.

Das hier war das ursprüngliche HQ des NYPD. Heute sind es …Trommelwirbel… Luxusapartments!

Nun kann man den Verlust des historischen New York beweinen. Aber die meisten New Yorker wollen wohl kaum in die Ära von Crack und Gangs der 1980er und 1990er zurück und auch nicht zur Korruption des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts. Und die geläufigen Bilder der Stadtviertel (Financial District, Meatpacking District, Little Italy, etc.) waren ja auch immer nur historisch bedingt und ersetzten zu ihrer Zeit wiederum andere, frühere Nutzungen derselben Gegend.

Wer weiß schon, was nach einigen Jahrzehnten Luxusapartments und Hightech-Investoren kommt? Von schöner neuer Welt bis Zombieapokalypse ist alles denkbar.

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