Zeit für die Rückfahrt nach Houston, wo morgen unser Rückflug startet. Damit die Fahrt nicht gar so langweilig ist, haben wir einen Zwischenstopp eingelegt in Washington on the Brazos.
Das war im ganz frühen Texas ein durchaus florierendes Örtchen und nach der Revolution fünf Jahre Hauptstadt und eine der größeren Städte in der Republik Texas. Sie profitierten von der Lage am Brazos River und hatten in den 1840er und 1850er regen Bootsverkehr – es war eine der besten Strecken, um die Ernte (vor allem Baumwolle) zum Markt in Galveston zu bringen. Aber sie verpassten den Anschluss an die Eisenbahn: die erste Eisenbahn, die einen Anschluss anbot erwies sich als Betrug und bei der zweiten Gelegenheit wollten die Leute von Washington on the Brazos nicht mehr, schließlich hatten sie den Fluss. Das war ein Fehler: schon 1862 war das Städtchen weitgehend verlassen und heute gibt es nichts mehr aus der alten Zeit außer Fundamenten.
Warum also fährt man da hin? Nun, hier wurde 1836, während der Revolutionskrieg tobte, die Unabhängigkeit von Texas erklärt und die Verfassung der Republik geschrieben. Der Schuppen, wo das passierte, wurde bereits im frühen 20. Jahrhundert restauriert, aber Anfang der 2020er baute Texas hier ein brandneues Visitor Center, ein Museum und restaurierte einige des Gebäude. Das muss viel Geld gekostet haben und wer immer schonmal sehen wollte, wie eine neu gebaute Blockhütte aussieht, wird hier fündig. Das Museumskonzept ist topaktuell, mit viel Interaktivität und geht auch höchst linksgrünversifft auf Ureinwohner, Sklaven und Latinos ein. Wer hätte das im Texas des erzkonservativen Gouverneurs Greg Abbott erwartet?





Und hier nun die Independence Hall, die natürlich auch ein Nachbau ist:


Ist dann doch was anderes als die Independence Hall in Philadelphia ´…
Das schönste ist eigentlich das Gelände, mit alten, moosbewachsenen Bäumen und viel grün. Hier sind dann auch noch ein paar Wildblumen:


Wir hätten da vielleicht noch eine kleinere Wanderung gemacht, aber wir waren schon durch den Regen hingefahren und hatten nur eine kurze Pause zwischen zwei Regenfronten erwischt, also sind wir nach Houston (bzw. zum letzten Hotel in der Nähe von Houston) weitergefahren. Das war auch eine gute Idee: kurz nachdem wir ankamen, brach die Hölle los. Sintflutartige Regenfälle, Stromausfall, das volle Programm. Nicht der heftigste Sturm, den ich je erlebt habe, aber bestimmt in den Top 5. Nach gut zwei Stunden war der Spuk vorbei, aber ich war heilfroh, nicht durch das Unwetter fahren zu müssen.
Abends sind wir dann doch noch zum Essen gefahren, in ein chinesischen bzw. fusion-asiatisches Restaurant, Teil der Kette P.F. Changs. Authentizität braucht man da nicht erwarten, aber des Essen war ausnehmend gut. Insbesondere die Gyoza waren super: gebraten und auf einem extrem heißen Eisenteller serviert, über den der Kellner dann Soße goss, dass es spotzte und dampfte. Jeder chinesische oder japanische Koch hätte wahrscheinlich die Hände über dem Kopf zusammen geschlagen, aber es schmeckte wirklich prima.

Mittlerweile sitzen wir am Flughafen. Für die Security brauchten wir ca. 45 Minuten, das Department of Homeland Security und damit die TSA haben ja immer noch kein reguläres Budget, was zum Teil-Shutdown führt. Aber es war auch nicht so schlimm wie noch vor ein paar Wochen, wo es Security-Schlangen bis vor den Terminal gegeben haben soll.
Dann hatten wir auch noch Glück: zwar bringt mich mein popeliger Lufthansa-Vielfliegerstatus nicht in die United Lounge in Houston, aber der Herr an der Lounge-Rezeption war älter, ein bisschen verpeilt, extrem freundlich und sein Terminal funktionierte nicht korrekt. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, meine Kreditkarte für den Loungezugang zu belasten hat er es aufgegeben und uns kostenlos reingelassen. Das verbessert das Preis-Leistung-Verhältnis der eher mauen Lounge doch sehr stark!
Beobachtungen zu Texas
Nachdem ich gerade nicht bessere zu tun habe, hier noch ein paar Beobachtungen zu Texas bzw. dieser USA-Reise:
- Im Prinzip war alles wie immer auf Reisen in die USA. Die Einreise lief ganz normal, die Leute sind freundlich, die billigen Hotels sind manchmal gut und manchmal schlecht, usw. Als Tourist bekommt man – von ein paar Wahlplakaten und den Fernsehnachrichten abgesehen – von der Spaltung des Landes nichts mit. Die Spritpreise sind zwar höher als sonst, aber bei knapp 4 Dollar pro Gallone für deutsche Verhältnisse immer noch spottbillig.
- Auf der ganzen Reise durch Texas haben wir außer Polizisten, uniformierten Security Guards und dem ein oder anderen Cowboy im Kostüm niemanden gesehen, der bewaffnet unterwegs war. Und das obwohl Texas mittlerweile ein open carry state ist. Im State Capitol gab es extra einen Eingang für Leute, die bewaffnet ins Parlamentsgebäude gehen wollten, hat aber niemand gemacht.
- Wie erwartet hört man im Westen und im Rio Grande Valley genauso viel Spanisch wie Englisch, wenn nicht mehr. Scheint aber niemanden zu stören. Und vielerorts wurde unser Deutsch erkannt und freundlich kommentiert, gerne mit dem Verweis, dass Opa auch noch Deutsch konnte.
- Die Grenze ist im Rio Grande Valley allgegenwärtig, es gibt reichlich Grenzübergänge aber nur wenig Grenzzaun. Man hat den Eindruck, dass es einen regen und regulären Verkehr in beide Richtungen gibt. Die Border Patrol ist präsent und hat auch Checkpoints, aber alles nicht wirklich anders als 2008, als ich New Mexico oder 2017, als ich in Kalifornien war. Eine Militarisierung der Grenze war nicht zu bemerken.
- Das Land Texas (immerhin so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen) ist landschaftlich ungemein vielfältig. Im Osten ist alles tiefgrün, es sieht aus wie in Louisiana und es wird sogar Reis angebaut. In der Mitte ist Hügellandschaft mit vielen sehr schönen Wildblumen am Straßenrand und auf Weiden. Im Rio Grande Valley ist es grün und voller Vögel. Im Westen ist die typische Steppe des amerikanischen Westens, wie in New Mexico, Arizona, Colorado und Utah auch.
- Rinderhaltung gibt es in allen Landesteilen, alles sehr extensiv auf offenen Weiden. Im Osten sind es halt ein paar hundert Quadratmeter pro Rindviech, im Westen eher Quadratkilometer, aber Stallhaltung scheint es nicht zu geben. Warum auch?
- Die kulinarische Auswahl ist außerhalb der Großstädte (wo es alles gibt) eher eingeschränkt. Meistens gibt es Tex-Mex, Barbecue und Fast Food. Das Tex-Mex ist tatsächlich recht ähnlich wie das, was man auch in Deutschland bekommen kann, und variiert stark in der Qualität. Das Barbecue ist super: butterzart mit hausgemachten Saucen und klassischen Beilagen wie Bohnen, Kartoffelsalat, Coleslaw und mehr. Leider kann nicht mal ich das jeden Tag essen. Als weitgehend zuverlässig erwies sich die Buffet-Kette Golden Corral: da gibt es zu bezahlbarem Preis gute Fleischgerichte inkl. frisch gegrillten Steaks, aber eben auch eine gute Auswahl an Gemüsen und eine große Salatbar. Da sind wir mehrfach zum Essen hin.
- Eine Überraschung für uns beide war der Banana Pudding: ein Pudding mit dezentem Bananengeschmack, Bananenstücken und Keksen. Ich mag eigentlich weder Pudding noch Bananen sonderlich, aber der Banana Pudding taugt sowohl Doro als auch mir.
Mal davon ausgehend, dass der in ca. 2h anstehende Rückflug einigermaßen regulär verläuft, schließe ich damit den Blog. Vielen Dank fürs Lesen und bis zum nächsten Mal!