Heute war es zwar immer noch kalt, aber immerhin wieder sonnig. Vamos a la playa! Jurmala heißt (wenn ich das richtig verstanden habe) buchstäblich Strand und wurde aus den verschiedenen kleineren Orten direkt am Meer nahe bei Riga zusammengefasst. Während des Sowjetzeit war dies ein beliebtes Seebad, wo Krushchev und Consorten ihren Urlaub verbrachten – an die Cote d’Azur haben sie sich ja meist nicht getraut.
Logischerweise war noch nicht viel los, an Schwimmen im Meer ist ohne Neopren nicht zu denken, zumal es auch noch recht windig war.
Das ist noch nicht der Strand sondern der Fluss Lielupe, ca. 1 km entfernt.Aber jetzt.Das Bademeisterhäuschen ist fast so bunt wie die in Miami Beach.Selbst die Laternen beugen sich im Wind.In Lettland gibt es Unmengen von Kaffeautomaten.Parallel zum Strand verläuft die Flaniermeile……die aber um diese Jahres- und Tageszeit noch ziemlich leer war.Ganz schmuck ist sie auch……von sowjetischen Bausünden abgesehen.
Zweites Ziel war der Nationalpark Kemeri, der nur 20 Autominuten entfernt ist. Ähnlich wie Lahemaa eine Mischung aus Wald und Moor, zumindest der Teil, den ich gesehen habe.
Der Wald besteht aus Kiefern und das am Boden……müssten Heidelbeeren sein, wenn ich mich nicht täusche.Ich war mal wieder……total auf dem Holzweg.Kiefern im Moor werden nicht hoch.Die Seen sind wirklich so blau, das ist nicht die Bildbearbeitung.
Morgen geht es weiter nach Klaipeda (ehemals Memel), den Zugang zur kurischen Nehrung.
Heute gibt es nicht viel zu berichten. Ich habe Riga verlassen und bin mit dem Mietwagen weiter nach Klaipėda in Litauen gefahren, von wo aus ich morgen die kurische Nehrung heimsuchen will.
Klaipėda hat, wie alles im Baltikum, eine bewegte Geschichte. Die Stadt wurde unter dem Namen Memel von Kreuzrittern gegründet, wobei der Fluss Memel (ja, der aus der ersten Strophe des Deutschlandlieds) ein gutes Stück südlich ist. Anders als in Estland und Lettland haben sich die Einheimischen in Litauen aber deutlich besser organisiert und größere Eroberungen verhindert. Litauen (lange Zeit in königlicher Personalunion mit Polen) war im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit eine Großmacht, überstand allerdings die Teilungen Polens im 18. Jahrhundert nicht.
Das Memelland, und damit auch Klaipėda, wurde dann (im Falle von Klaipėda mit kurzem Umweg über Schweden) Teil von Preußen und blieb das auch bis zum Ende des 1. Weltkriegs. Dann übernahm kurzzeitig Frankreich(!) die Verwaltung; 1923 wurde Klaipėda dann vom in der Zwischenkriegszeit unabhängigen Lettland annektiert bis Hitler 1939 den Litauern Klaipėda wieder abpresste. Der Rest ist bekannt: Hitler-Stalin-Pakt, Zweiter Weltkrieg, Sowjetrepublik bis 1991.
Als Reiseziel ist Klaipėda jetzt nicht der Brüller, aber hier legen nun mal die Fähren in den litauischen Teil der kurischen Nehrung ab. Eine ganz nette Altstadt gibt es auch, die aber in zwei Stunden mit Einkehr locker zu erkunden. Immerhin war das Wetter herrlich!
Promenade entlang des Flusses Danė (die Memel ist viel weiter südlich).Denkmal für das vereinte Litauen, d.h. inklusive der ehemals preußischen Teile wie hier.Die Litauer haben aus dem Schulschiff ihrer Marine ein Restaurant gemacht. Schlau.Der Theaterplatz……inkl. Theater……und einer Statue des Ännchens von Tharau (warum auch immer). Es gibt ein paar ganz schmucke Fachwerkhäuser.Und die coolste Regenrinne, die ich je gesehen habe.Außerhalb der Altstadt gibt es auch heftige Bausünden.
Hier noch etwas Food Porn:
ScholleFrittierte Erbsenbällchen mit ForellensauceKohlsuppePasta mit SeafoodGelbe Erbsen mit Speck in einer Art Tostada. (Eigentlich hatte ich Hering bestellt, da ging wohl etwas „lost in translation“).
Heute nun also der Ausflug in die Kurische Nehrung. Das ist eine schmale Halbinsel, die im Süden nahe Kaliningrad/Königsberg mit dem Festland verbunden ist und im Norden bei Klaipeda endet. Rüber kommt man mit der Fähre (Fahrzeit 5 Minuten), eine Rundreise ganz nach ist derzeit wegen der russischen Grenze nicht praktikabel oder empfehlenswert. Also mit der Fähre rüber, mit dem Auto bis kurz vor die russische Grenze und dann wieder zurück.
Hier sieht man noch den Hafen von Klaipeda, wegen dem es wohl keine Brücke über die kurische Lagune gibt.Sog. Wolfskiefern, weil sie größer und krummer sind als die normalen Kiefern.Erster Blick in die grauen oder „toten“ Dünen.„Tot“ deswegen, weil diese ehemaligen Wanderdünen durch Bepflanzung gestoppt wurden.Grau wegen der Moose und Flechten, die einen Teil der Dünen bedecken.Je näher man der Lagune kommt, umso sandiger wird die Düne.Gedenktafeln für die Dörfer, die von der Düne „gefressen“ wurden vor der Bepflanzung.
Kurz vor der russischen Grenze befindet sich das Dorf Nidden, wo Anfang der 1930er Thomas Mann seine Sommer verbrachte.
Wie man sieht, war Mann ein guter Freund von J.R.R. Tolkien……und gestaltete seinen Giebel im Stile der Reiter von Rohan.
Aber auch sonst gibt es da viele nette Häuschen:
Ein Verkehrsschild, das wir auch in Deutschland brauchen.
Näher als Nidden werde ich in meinem Leben wohl nicht an Kaliningrad rankommen…
…also gab es Königsberger Klopse zum Mittagessen.
Nach einem halben Tag auf der Nehrung war dann die Rückfahrt zur Fähre und dann 330km Autofahrt nach Vilnius angesagt. Dabei war klar zu sehen: Litauen ist zwar der bevölkerungsreichste baltische Staat, aber dicht besiedelt ist es auch nicht. Hatte was vom Mittleren Westen in den USA…
Mittlerweile bin ich im letzten Quartier meiner Reise in Vilnius. Das ist tatsächlich die geräumigste Ferienwohnung, die ich auf der Reise hatte.
Wie auch die Altstädte von Tallinn und Riga gehört die Altstadt von Vilnius zum UNESCO-Weltkulturerbe. Auch hier haben die Wurzeln mit den Kreuzzügen des Mittelalters zu tun, allerdings haben weder die Schwertbrüder noch der deutsche Orden die Stadt gegründet. Vielmehr organisierten sich die Litauer unter Mindaugas gegen die Invasoren und konnten dadurch einen eigenen Staat, das Großherzogtum Litauen, etablieren, der im Spätmittelalter ziemlich mächtig wurde und große Teile von Polen und der Ukraine umfasste. Vilnius selbst wird 1323 erstmal urkundlich erwähnt. Anders als in den beiden anderen baltischen Staaten fasste die Reformation hier keinen Fuß und Litauen blieb katholisch, was sich in der großen Anzahl von katholischen Kirchen in der Stadt (oft Kirchen ehemaliger Klöster) widerspiegelt. Letztlich ist der dominante architektonische Stil in der Altstadt der Barock.
Stadttor von außen……und von innen.Hier rockt der Barock.
Die Universität von Vilnius ist auch ziemlich alt: 1579 von den Jesuiten gegründet. Die Gebäude bilden mehrere Innenhöfe, von denen der größte leider durch eine Baustelle verschandelt ist.
Blick vom 1. Stock der Glockenturms nach oben.Aussichten vom Glockenturm.
Überhaupt hat Vilnius Unmengen von Gassen, aber auch von Innenhöfen, in die man meisten auch reingehen kann, wobei immer mehr für die Öffentlichkeit geschlossen werden.
Die Judenstraße im alten jüdischen Viertel, das dem Holocaust zum Opfer fiel.Die Literatenmauer mit Erwähnung von Künstlern, die Litauen oder Vilnius in ihren Werken verarbeiteten.Ein besonders schmucker Innenhof.Der Innenhof meines eigenen Apartments.
Vilnius hat mit dem Stadtviertel Užupis auch eine Art von Christiania, also eine nicht ganz ernst gemeinte alternative „Republik“:
Das „Barlament“ der Republik.Ob diese Hollywoodschaukel wohl der Entspannung oder der Bestrafung dient?Der Tibetplatz. Das Bäumchen in der Mitte wurde vom Dalai Lama gepflanzt.
Es gibt aber auch andere Baustile in Vilnius:
Wie das völlig überkandidelt riesige klassizistische Rathaus……oder die Kathedrale.Die gotische Katharinenkirche……wurde während der Sowjetzeit als Lagerhaus verwendet.Der Gediminas-Turm, Teil der alten Wehranlagen.
Und insbesondere Konditoreien tendieren zu aufwändigen Verzierungen:
Langsam neigt sich der Urlaub dem Ende zu und mir geht so ein bisschen die Luft für intensives Sightseeing aus. Heute werde ich wohl nur mit dem Handy bewaffnet mal ein paar Ecken abklappern, die ich noch nicht gesehen habe.
Ich war nochmal auf eigene Faust in und um die Altstadt von Vilnius unterwegs. Quasi direkt vor meinem Haus hat man Teile der alten Wehranlagen rekonstruiert:
Kalte Rote Beete Suppe mit saurer Sahne haben alle baltischen Staaten gemeinsam. Ikea hat das auch erkannt.
Dann war ich nochmal in Užupis. Mein Vergleich zu Christiania war nicht so ganz gerechtfertigt: zwar ist es eine selbsterklärte autonome Republik, aber der Hippie- und Gegenkulturcharakter ist deutlich weniger ausgeprägt. Vor allem sieht es dort sehr viel normaler aus als in Christiania oder ähnliche Konstrukten in anderen Städten und am Fluss sehr lauschig.
Die Verfassung der Republik in X Sprachen.Dies ist die einzige Verfassung, die Katzen eine Pflicht vorschreibt, nämlich ihrem Besitzer in schweren Zeiten beizustehen (aber nur dann).Das soll wohl auch die Aufgabe dieser Katzenskulptur sein.Die Statue ist der Jesus der Backpacker: mit Rucksack, aber ohne sperriges Kreuz.
Auf der anderen Seite vom Fluss gibt es ein sehr ruhiges und topmodernes Viertel, das definitiv post-1990 entstanden sein muss. Dort befindet sich auch der Paupio-Markt, ein sehr ansprechender Food Court:
Nächster Stopp war das Großfürstliches Schloss Vilnius, wo bis 1795 die Großherzöge residierten. Nach der Dritten Teilung Polens gab es keinen Staat Litauen mehr und das Schloss wurde im 19. Jahrhundert zerstört. In den 2000ern haben sie es wieder aufgebaut und ein historisches Museum draus gemacht.
Der Neubau hat den Vorteil, dass alles intakt, schick und ziemlich barrierefrei ist.Der weiße Reiter auf rotem Grund war das Wappen des Großherzogtums.Links sieht man Rolltreppen nach unten, die nicht funktionierten. Deutschland lässt grüßen.In der Ausstellung sieht man u.a. viele Karten, die die historische Ausdehnung des Großherzogtums Litauen, hier im 14. Jahrhundert (gelb). Make Lithuania Great Again?Reste der ersten Burg aus dem 13. Jahrhundert.
Im Inneren haben sie unter anderem diverse historische Räumlichkeiten aus verschiedenen Jahrhunderten nachgestellt, mit passenden Möbeln, Kunst und Artefakten. Wie man sieht, ist es deutlich leerer als in echten historischen Schlössern, wie z.B. in Wien oder so.
Einen Aussichtsturm gibt es auch:
Nebenan ist die Kathedrale, die innen eher karg ausgestattet ist, und aus irgendwelche Gründen haben sie die Apostel asymmetrisch verteilt: 7 auf der einen und 5 auf der anderen Seite. Wem die Aufteilung mit separatem Glockenturm irgendwie italienisch vorkommt liegt nicht falsch: Die Herzogin von Milan, Bona Sforza, war im 16. Jahrhundert auch durch Heirat Großherzogin von Litauen und Königin von Polen und brachte einiges aus Italien mit (der klassizistische Look der Kathedrale kam später).
Danach war bin ich noch ein bisschen durch die Gassen geschlendert.
Dabei entdeckte ich den erstaunlich gut versteckten Präsidententpalast.Wandmalerei im jüdischen Viertel.Das sog. Glasser-Viertel.Einkehr im Innenhof einer ziemlich urigen Kneipe…Mit noch urigerem Snack: frittiertes Brot mit Käse-Mayo-Sauce, quasi wie Pommes. Eine örtliche Spezialität, von der ich nur ca. ein Drittel schaffte.
Heute habe ich noch eine Tour zum Thema Vilnius zu Sowjetzeiten gemacht – so etwas wird in vielen ehemaligen Ostblockstädten angeboten. Dabei sieht man nicht nur Brutalismus-Architektur und erfährt mehr darüber, wie die sowjetische Unterdrückung sich vor Ort auswirkte, sondern man kommt auch aus der Altstadt und den touristischen Gebieten raus.
Hier erst nochmal ein paar Ansichten, die nichts mit der Sowjetunion zu tun haben:
Hier nun aber die Highlights der Sowjet-Archtitektur:
Diese Osterinsel-Skulpturen sollen wohl die Einheit von Arbeitern, Bauern und Intellektuellen darstellen, sind aber wahrscheinlich absichtlich ambivalent.Der Sportpalast Vilnius steht seit über 20 Jahren leer. Allerdings ist er denkmalgeschützt und steht auf einem alten jüdischen Friedhof, drum weiß keiner so recht, was man damit machen soll.Die Oper……mit teils sehr bourgeoisen Statuen.Das heutige Radisson-Hotel war das erste Hochhaus der Stadt und wurde vom KGB betrieben, um ausländische Gäste zu überwachen.Die Nationalbibliothek.Das Parlament, das die Litauer 1991 erfolgreich gegen die rote Armee verteidigten.Das KGB-Hauptquartier, wo Folter an der Tagesordnung war – heute ein Museum.
Eine Erfahrung, die alle baltischen Staaten gemeinsam hatten, war die Deportation – bis zu 10% der Bevölkerung wurde zwischen 1944 und 1990 nach Sibirien verschleppt, hauptsächlich in der Stalinzeit.
Logischerweise ist man in den baltischen Staaten nicht auf sowjetische und russische Symbole erpicht. Die Marx und Lenin-Statuen sind schon seit Anfang der 1990er Jahre weg, aber so manches stand noch länger. Die Annexion der Krim 2014 und natürlich die Ukraine-Invasion 2022 führten aber noch zu weiteren Konsequenzen.
Auf diesem Brückensockel standen ursprünglich relativ neutrale sowjetische Statuen (Bauern, Arbeiter, etc.). Seit 2014 sind sie permanent in der Restauration.Dieses pro-ukrainische Wandgemälde entstand nach der Sprengung der Kachowka-Stauanlage vor knapp einem Jahr.Klare Botschaft der Stadtverwaltung nach Moskau.
In Litauen ist das Problem mit der russischsprachigen Bevölkerung weniger ausgeprägt als in Lettland oder Estland. Hier sind es nur 5% russischsprachige Litauer, die alle (anders als in Estland und Lettland) eine Staatsbürgerschaft erhielten. Inzwischen ist der Prozentsatz zwar gestiegen, aber hauptsächlich durch Flüchtlinge aus Belarus und der Ukraine, die kaum der Nähe zu Moskau verdächtig sind.
So, jetzt noch etwas Food Porn:
Die litauische Spezialität: Zeppelinas. Mit Fleisch oder Käse gefüllte Kartoffelklöße.Bagel mit Pulled Beef (die Pastrami war leider aus).Forshmak, jüdischer Heringssalat mit Apfel.Traditionelle litauische Fisch Kanapees aus Reis, mit Seetang umwickelt (harhar).
Mittlerweile ist Freitag, am Abend geht mein Flug zurück nach München. Glücklicherweise kann ich bis Nachmittags in der Ferienwohnung bleiben, so dass alles ganz entspannt ist.
Der Flug hatte eine Stunde Verspätung, dafür war die Rückfahrt vom Münchner Flughafen nach Hause mit Fahrdienst super – deutlich billiger, bequemer und schneller als ein Taxi. Jedenfalls bin ich wohlbehalten wieder zu Hause und schließe den Blog. Vielen Dank fürs Lesen und bis zum nächsten Mal.