22.12.2025 – Osaka Castle, Nishinari

Am heutigen Montag musste ich meine Reiseplanung mit meiner Logistik in Einklang bringen, denn ich musste morgens raus aus dem schönen, aber auf Dauer viel zu teuren Hotel Candeo und konnte erst um 15.00 Uhr in mein sehr viel günstigeres Hotel Sobial einchecken. Also habe ich die Kamera ausgepackt, habe mein Gepäck beim Auschecken lagern lassen und bin zur Burg Osaka gepilgert.

Burg Osaka und Historisches Museum Osaka

Nun gilt Osaka über weite Teile der japanischen Geschichte hinweg als die ewige Nummer 2: heutzutage die zweitwichtigste Stadt nach Tokio, früher noch stärker im Schatten der alten Hauptstadt Kyoto. Es gab aber auch Zeiten, da war Osaka die Nummer 1 oder zumindest ein ganz zentraler Lokus der Macht in Japan. Und da spielte immer der Ort, an dem heute die Burg Osaka steht, eine zentrale Rolle.

Bereits im 7. Jahrhundert stand hier der Naniwa-Palast, eine der frühen Hauptstädte Japans, sogar noch vor Nara. Im 16. Jahrhundert stand hier der buddhistische Tempel Ishiyama Hongan-ji. Das waren jetzt keine so ganz harmlosen Mönche, vielmehr hatten sie ungemeine militärische und politische Macht in dieser unruhigen Zeit. Der erste Reichseiner Oda Nobunaga belagerte den als uneinnehmbar geltenden Tempel 10 Jahre lang und zerstörte ihn schließlich 1580. Sein Gefolgsmann und Nachfolger, der zweite Reichseiner Toyotomi Hideyoshi errichtete dann am Standort des Tempels seine Burg und beherrschte von hier aus Japan bis zu seinem Tod 1598. (Wer die Serie Shogun gesehen hat: das ist die Burg, aus der „Toranaga“ fliehen muss). In dieser Zeit war Osaka auch wirklich das Zentrum der politischen Macht in Japan, auch wenn der politisch unbedeutende Kaiser weiterhin in Kyoto saß. Unter dem dritten Reichseiner und ersten modernen Shogun Tokugawa Ieyasu war Osaka dann wieder Nebenschauplatz. Er ließ die Burg 1615 schleifen und löschte den Toyotomi-Klan endgültig aus. Eine von Tokugawa neu errichtete Burg wurde dann während der Meiji-Revolution 1868 zerstört. 1931 wurde eine Rekonstruktion der Burg aus Stahl und Beton gebaut und 1995-97 so renoviert, dass sie möglichst aussieht wie die historische Anlage. Was man heute sieht, ist also keine Originalburg, aber sie steht an höchste geschichtsträchtigem Ort.

Der Donjon, das zentrale Gebäude der Festungsanlage.
Ich war nicht drinnen im Donjon, obwohl er einen entscheidenden Vorteil gegenüber originalen Anlagen hat, nämlich einen Aufzug.
Die Mauern drumherum wurden aus ganz besonders großen Steinen zusammengefügt. Zum Größenvergleich: der blaue Pfosten mit Infotafel ist fast mannshoch.
Dieser Wachturm ist der älteste original erhaltene Teil aus dem frühen 17. Jahrhundert.

Dieses Machwerk direkt neben dem Donjon diente ursprünglich als Kommandozentrale einer Heeresdivision.
Aber soll noch einer sagen, es gibt keine Festung mehr in Osaka: direkt gegenüber ist das Hauptquartier der Polizei von Osaka (die „Scheibe“ auf dem Dach ist ein Helipad). Und direkt dahinter mit der gebogenen Fassade ist NHK Osaka, das staatliche Fernsehen — in dem Gebäude ist auch das Osaka Historical Museum.

Das Osaka Historical Museum illustriert die Geschichte von Osaka mit dem Fokus auf drei Epochen: die Naniwa-Zeit (7. Jahrhundert), die Zeit des Hongan-ji (16. Jahrhundert) und die Zeit des „Greater Osaka“ im frühen 20. Jahrhundert, als Osaka die umliegenden Gemeinden absorbierte und zwischenzeitlich sogar mehr Einwohner hatte also Tokio.

Dotonbori, Shinsaibashi und America-mura

Ich musste noch Zeit totschlagen, bevor ich mein Gepäck abholen und dann ins neue Hotel einchecken konnte, also bin ich ins „Zentrum“ von Osaka gefahren. Eigentlich hat Osaka genau wie Tokio mehrere Stadtteile, die fast schon eigenständige Großstädte sind, aber die Fressmeile Dotonbori und die umliegenden Distrikte sind zumindest das Zentrum des Tourismus. Eigentlich ist der frühe Nachmittag keine ideale Zeit um dahinzugehen, denn bei Nacht ist das alles schöner, aber ein paar Motive entfalten auch bei Tageslicht ihren Charme.

Insbesondere der Hozen-ji Tempel mitten in den Gassen von Dotonbori…
… mit der moosbedeckten Statue der Gottheit Fudō Myōō.
Ebenso das bizarre Riesen“rad“ am Ebisu Tower, wo ein Filiali des Schnäpchenkaufhauses Don Quijote untergebracht ist.

Hier einfach ein paar Eindrücke von Dotonbori:

Der Glico-Mann, die wahrscheinlich berühmteste Werbung Japans, sieht bei Nacht allerdings besser aus.

Unweit sind die Viertel America-mura, wo es u.a. viele Geschäfte mit Vintage-Klamotten gibt und Shinsaibashi. Hier nur ein paar Eindrücke:

Nun konnte ich auch in mein neues Hotel Sobial einchecken. Das Zimmer ist wesentlich kompakter, aber wie für japanische Business Hotels üblich sinnvoll geschnitten und ungleich günstiger. Sento (öffentliches Bad) und top Frühstück hat es auch und es liegt direkt an der U-Bahnstation. Sehr praktisch.

Foodtour durch Nishinari

Am späten Nachmittag war ich dann auf einer Walking Food Tour durch Nishinari. Das gilt als ein besonders „verrufenes“ Viertel, obwohl nur zwei U-Bahnstation von Namba/Dotonbori entfernt. In Ländern mit Bevölkerungswachstum wäre das längst gentrifiziert, aber hier hat es immer noch den Charakter eines arme-Leute-Viertel. Hier zogen nach dem 2. Weltkrieg die Bauarbeiter hin, die das weitgehend zerstörte Osaka wieder aufbauten. Sie gehörten oft zu gesellschaftlichen oder ethnischen Minderheiten (die sog. Burakumin, sowie Leute aus Okinawa und Koreaner) und die Gegend ist bis heute von geringen Einkommen, billigen Mieten, Obdachlosigkeit aber auch für Japan enormer gesellschaftlicher Vielfalt geprägt.

Warum geht man dahin? Zum einen ist es interessant, mal einen anderes Aspekt des urbanen Japan zu sehen. Zum anderen hat Terry Pratchett mal gesagt: „The best cooking everywhere in the multiverse has been evolved by people who had to make desperate use of ingredients their masters didn’t want.“ Ich suchte also nach einer Food Tour, die sich nicht nur an Anfänger auf ihrer ersten Japanreise richtete.

Die Tour Guide war Jamie, eine Australierin, die einen Japaner geheiratet hat und die beiden kauften sich (zum Entsetzen der Schwiegereltern) seht günstig eine Wohnung in Nishinari. Jamie ist großer Fan der Geschichte und der Community von Nishinari, nicht zuletzt weil sie hier auch als nicht-Japanerin leichter Kontakte knüpfen kann und schneller akzeptiert wird. Ich war übrigens der einzige Gast auf dieser Tour, das kann sich für Jamie kaum gelohnt haben.

Und wie ist es so im „verrufensten“ Teil von Osaka? Immerhin gibt es ein Rotlichtviertel und die Yakuza ist aktiv. Aber wir reden immer noch von Japan, also alles völlig harmlos, zumindest in Begleitung einer ortskundigen Führerin. So bin ich auch in Kneipen gegangen, wo ich normalerweise schwertun würde, da die Speisekarte oft nur handschriftlich ist, da versagt dann auch Google Translate.

Die erste Kneipe war schon richtig urig. Der Dackel heißt Lei-chan.
Gegrillter Schweinedickdarm
Schweinezunge mit Sprossen

Jamie führte mich dann durch diverse Einrichtungen von Nishinari, z.B. durch eine höllisch laute Pachinko-Spielhalle.

Da waren dann historische Pachinko-Spiele ausgestellt. Die heutigen sind alle mit Computergrafik (die Stahlkugeln bleiben aber echt).
Das wiederum ist keine Spielhalle…
…sondern der sehr günstige und große Supermarkt, der bunt geschmückt ist.
Es weihnachtet sehr, die Krippe wirkt schon wie ein Mini-Schrein.
In der zweiten Kneipe gab es u.a.
Hühnchen Sashimi mit Zwiebeln und Ingwer…
…gegrillter Spam mit Spiegelei…
…aber auch ganz normales Torii-Karaage.
Alles sehr lecker!

Streetart gibt es in der Gegend auch, das meiste allerdings ganz offiziell vom Besitzer des Gebäudes erlaubt oder sogar bestellt.

Zum Abschluss gab es noch Gyoza. Man wickelt sie hier gerne in einen Streifen grüne Paprika.

Jamie hätte mich auch noch weiter gefüttert, aber gegen 19 Uhr nach 3h Tour war ich hundemüde und konnte auch ehrlich nicht mehr essen. Hat sich aber in jedem Fall gelohnt!

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